Porträt – Blut Aus Nord

Subversion in Reinstform: Blut Aus Nord

„Blut Aus Nord ist ein künstlerisches Konzept. Wir haben es nicht nötig, von den Leuten in eine spezifische existente Kategorie gesteckt zu werden. Wenn Black Metal nur dieses subversive Gefühl und keinen grundsätzlichen musikalischen Stil beschreibt, dann ist Blut Aus Nord Black Metal. Aber wenn wir dafür mit diesen kindischen satanischen Clowns verglichen werden müssen, lasst uns bitte außerhalb von diesem erbärmlichen Zirkus arbeiten. Diese Form von Kunst verdient etwas anderes als diese unbedeutenden Bands und ihre alte Musik, welche vor zehn Jahren von jemand anderem komponiert wurde.“

Mit diesem erfrischend ehrlichen Statement distanziert sich Vindsval, seines Zeichens kreativer Kopf der französischen Band Blut Aus Nord, ausdrücklich von der momentanen Verwässerung der Szene. Man kann ihm diese Einstellung angesichts der Masse an gleichgeschalteten Corpsepaint-Trägern nicht verübeln, die es schwierig macht, die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen zu finden. Umso mehr heben sich Blut Aus Nord durch ihre musikalische Individualität und hohen Wiedererkennungswert aus dem Sumpf der Konformität hervor: von Schubladendenkern zumeist als Black Metal mit Avantgarde-Einflüssen bezeichnet, sollte der besseren Orientierung wegen auch der Hauch von Industrial, Doom und Ambient erwähnt werden.

Was Blut Aus Nord allerdings so besonders macht, ist ihr grenzenloser Tiefgang in Subversion und Unberechenbarkeit. Keine andere Band im Black Metal versteht es besser, eine derart surreale, obskure, hypnotisch-bannende und verstörende Atmosphäre aufzubauen und den Konsumenten gnadenlos in die vernichtenden Tiefen des eigenen Ichs zu stürzen. Die innovative Kreation aus heulenden, dissonanten Gitarrenmelodien, untermalt von sowohl eindringlich meißelnden als auch zähflüssig kriechenden Schlagzeugparts, gekrönt von unsäglich gequält klingenden Vocals lässt nur einen Bruchteil des bewusstseinserweiternden, folternden Wahnsinns erahnen, den Vindsval und seine Mannen in den Köpfen ihrer Hörer hervorzurufen trachten.

Blut Aus Nord entziehen sich auch aus lyrischer Sicht sämtlichen stumpfen Black Metal-Klischees von exzessivem Satanskult und Christenausrottung. Die bewusst allgemein gehaltenen Schlagworte Mystizismus, Philosophie und Individualismus lassen eine unendliche Bandbreite an Interpretationen zu – für textinteressierte Zeitgenossen ist diese Möglichkeit jedoch lediglich bei ‚Memoria Vestuta I’ gegeben. Bei allen anderen Alben sperrte sich Vindsval vehement gegen die Veröffentlichung der Texte.

Wirklich bemerkenswert sind die intellektuellen Anstöße, die von einigen oberflächlichen Langmatten leider als generelle Überintellektualisierung missverstanden werden. Die Freigeister, die verstanden haben, dass diese visionär-sinistre Art Black Metal intuitiv erfasst werden will, dürfen sich indes an der hässlichen Andersartigkeit und der räudigen, durchdringenden Atmosphäre erfreuen, mit der sich Blut aus Nord stets neu erfinden.

Als von Kritikern hoch geschätzt gilt das zum Großteil instrumentale Konzeptalbum ‚The Work Which Transforms God’ von 2003. Wie bereits aus dem Titel unschwer ersichtlich, soll es den Hörer in Bezug auf seine Vorurteile und Sichtweisen über Realität, Leben und metaphysische Themen herausfordern. Während das nachfolgende, kontroverse Release ‚MoRT’ sich sogar gänzlich vom traditionellen Black Metal entfernte, besann man sich im Jahr 2007 mit ‚Odinist: The Destruction Of Reason By Illumination’ wieder auf die alten Wurzeln und knüpfte an die bisherigen herausragenden Veröffentlichungen wie ‚The Mystical Beast Of Rebellion’ an. Nach dem denkwürdigen 2009er Sequel ‚Memoria Vestuta II – Dialogue With The Stars’ darf man gespannt sein, welche geistigen Verzerrungen Blut Aus Nord auf der kommenden EP ‚Nam-Kha’ auslösen. Grenzen sind hierbei für Vindsval wieder einmal ein Fremdwort: „Das Universum beeinflusst unsere Arbeit. Das Universum ist unsere Arbeit, denn es ist die Quelle.“

Wer es bisher versäumt haben sollte, sich eingehender mit dem schwer greifbaren Phänomen Blut Aus Nord zu beschäftigen, sollte eine Betrachtung dieses akustischen Gesamtkunstwerks schleunigst nachholen. Über Geschmack lässt sich letzten Endes streiten – doch wie Vindsval man muss nicht viele Worte darüber verlieren: wer einmal in den abartig verstörenden Bann von Blut Aus Nord geraten ist, will ihn nicht wieder missen.

Mydrya

Blut Aus Nord-Links:

Myspace

~ von Mydrya - 16. Juni 2010.

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