Porträt – Turdus Merula

Von Giftpflanzen und Schattenvisionen: Turdus Merula

Nicht erst seit dem jüngst erschienenen Album „Herbarium“ zieht Turdus Merula die Aufmerksamkeit auf sich. In der erst dreijährigen musikalischen Laufbahn des Soloprojekts lässt sich bereits eine hervorragende Veröffentlichung namens „Paths Of Life“ ausmachen, welche durch und durch von den visionären Kompositionen der talentierten jungen Schwedin Dísa getränkt ist.


Ihre Interpretation von Ambient Black Metal beinhaltet einige Elemente, die Turdus Merula ihren ganz eigenen Stil und einen hohen Wiedererkennungswert verleihen; darunter fallen beispielsweise der Gebrauch von Schamanentrommeln und der Einsatz einzigartiger Klaviermelodien, die beim ersten Anspielen wunderschön anzuhören sind, zugleich aber nach und nach ihr zutiefst melancholisches, regelrecht depressives Potential entfalten. Interessant ist auch die Vertonung von Dísas Stimme, welche nicht in Form des klassischen hohen Keifens, sondern oft in einem stark verzerrten Flüstern präsentiert wird, das eine perfekte Symbiose mit den Klavier- und Gitarrenmelodien eingeht. Diese stimmungsmanipulierende Kombination wirkt wie süßes akustisches Gift, das sich hartnäckig im Gehörgang festsetzt und den Hörer auch noch lange nach Verklingen des letzten Tons in einen anhaltenden Zwiespalt zwischen Verträumtheit und Depression treibt. Einen eindrucksvollen Beweis hierfür liefert der tief bewegende Song „Falling“.

Dieser starken Betonung auf die durchdringende epische Atmosphäre folgt ein ausgeprägter Hang zur Mythologie und spiritueller Naturverbundenheit im lyrischen Aspekt sowie bei der Wahl des Namens Turdus Merula – der lateinische Name der Amsel, dem Nationalvogel von Schweden. „Ich war schon immer sehr an nordischer Folklore interessiert“, so Dísa im Interview mit dem Ghost Kommand Zine. „In einigen Teilen von Schweden wie Ötland und Gotland wird die Amsel ‚Solsvärta’ genannt, was sich grob mit ‚Sonnenverdunkler’ übersetzen lässt. Das Wort merula bedeutet ‚allein’ und bezieht sich auf das reservierte Verhalten der Amsel. Ihr Gesang, ihre mythologische Geschichte und die Stärke ihrer Ausstrahlung fasziniert mich und ist sehr wichtig für mich – als es um die Wahl eines Namens für das Projekt ging, welches mich und meine inneren Gedanken mehr als irgendetwas anderes reflektiert, kam einzig Turdus Merula in Frage.“

Bei den Texten auf „Paths Of Life“ handelt es sich nach Dísas Aussage um reine Selbstreflexion, die in dem Sequel „Herbarium“ verstärkt fortgeführt wird. Die wohlklingenden Titel, allesamt die lateinischen Namen von Giftpflanzen, lassen jedoch auch auf ein Konzeptalbum schließen. Besonders „Datura Stramonium“, „Colchicum Autumnale“ und „Aconitum Napellus“ bestechen durch ihre ausgefeilte Komposition, gelungene Schlagzeugarrangements von Sessiondrummer Draug und vehementen, druckvollen Gitarrensound, der um ein Vielfaches aggressiver daherkommt als auf dem eher verträumten Vorgängeralbum. Gesangstechnisch verlegt sich Dísa auf „Herbarium“ auf verzerrtes, räudiges und klangverdichtendes Keifen. Auch die stimmungsvollen Klavier- und Gitarrensoli tragen wieder ihren Teil zum tiefdüsteren und epischen Klangbild von Turdus Merula bei. Aggression und Atmosphäre halten sich die Waage auf einem Release voll von beeindruckender, einzigartiger Stimmung zwischen melancholischer Zerbrechlichkeit und kalten, hasserfüllten Passagen, die einen wie eisige Speere treffen.

In der Gesamtbetrachtung bleibt nur zu sagen, dass Turdus Merula nicht nur Stil und Klasse hat, sondern Absinth für die Ohren ist. Man darf wirklich gespannt sein, welche Geniestreiche Dísa in Zukunft zum Besten gibt. Wer einen guten Geschmack hat und mit dem Ambienteinschlag im Schwarzmetall etwas anfangen kann, wird Turdus Merula von der ersten Note an zu schätzen wissen.

Mydrya

Turdus Merula-Links:

Myspace

Metaladies

~ von Mydrya - 19. Juli 2010.

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